Donnerstag, 22. Oktober 2015

*Für meinen Dad...!*

Hallo liebe Leser,

lange Zeit habe ich hin und her überlegt. Lange Zeit war ich unsicher ob ich etwas so Privates, etwas, was mir so nah geht, öffentlich machen möchte oder auch kann.
Aber wenn es mir hilft, etwas zu verarbeiten oder sogar einen Abschied erleichtern kann, dann möchte ich dies sehr gerne tun.

Mein Vater, ein Mann der ganz plötzlich in mein Leben gestolpert kam. Ein Mann der mich so sehr mit seinem Charme und seiner Lebenserfahrung begeistern konnte. Ein Kranker Mann. Aber dennoch stets bemüht - für mich und meinen Bruder alles zu geben. Seiner Familie und sein ein und alles.

Das er in mein Leben gestolpert kam ist gar nicht soweit her geholt: Ganz plötzlich lief er uns in die Arme, mir und meiner Mutter. Wir beide waren eine Einheit - vier Jahre lang gab es nur mich und meine Mum. Und dann kam er. Mit viel Charme, Humor und liebe für mich konnte er mich für sich gewinnen.

Ich erinnere mich an viele Wochenenden in Konstanz bei dir. Schöne Spaziergänge in den Wäldern Konstanz' und Pilzsammlungen aus denen wir letztendlich eine leckere Pfanne gemacht haben. Ich sehe diese langen Zugfahrten und wie du mir die gruseligen Geschichten von Stephen King nah gelegt hast. Natürlich hast du sie mir so erzählt, das es für mich als acht jährige nicht zu gruselig waren.

Recht schnell bist du dann zu uns gezogen und etwas später nahmen wir uns eine neue Wohnung die wir gemeinsam Renoviert haben. Ich brachte dir Kekse und als Dankeschön hast du mir einen Hai auf meinen Boden gemalt, ehe wir den Teppich verlegt haben - dieser Hai war sogar noch da, als wir irgendwann ausgezogen sind. Du hast mir die liebe zum Zeichnen nah gelegt und mich stets gefördert - selbst als ich deine ganzen teuren Utensilien nach und nach verlor.
Meine Angst vor dem Film Jaws ("Der weisse Hai") versuchtest du mit vielen Sachbüchern über Haie entgegen zu treten - und entfachtest eine liebe für diese wundervollen Tiere.
Ebenso verdanke ich dir mein Interesse für Planeten und Geschichte.

Ich erinnere mich an meine Diagnose und wie du bestürzt immer wieder "Ich wünschte, ich könnte dir diese Krankheit nehmen.", gesagt hast.
Wie du jeden Familienbesuch zur Wanderung genutzt hast, damit ich nicht Autofahren musste. Mit reichlich Leckereein und schönen Geschichten liefen wir die größten Strecken.

Der Weihnachtsbaum wurde immer kurz vor knapp geholt aber wenn du mir versprachst, das es der schönste Baum werden würde, so hattest du immer recht. Wenn du deinen berühmten Kartoffelsalat gemacht hast, nahmst du stets Rücksicht auf mich und hast mir eine Portion ohne Essiggurken gemacht.

Ich will gar nicht wissen, wie oft du mit mir Titanic schauen musstest aber ich erinnere mich immer noch gut an dein genervtes "Love, love, love, love!"
Du bist nachts für mich aufgestanden um mir unter Kortison Pfannkuchen zu machen.

Meistens konntest du nachts nicht schlafen - oft habe ich dir Gesellschaft geleistet. Natürlich sah ich meinen ersten Horrorfilm mit dir. Heimlich. Wir schauten Zombie oder auch Dawn of the Dead und ich erinnere mich noch gut an deine Worte: "Als der damals im Kino lief, sind die Leute alle Reihenweise kotzend aus dem Kino gelaufen."

Und als ich mein Outing mit fünfzehn hatte, legtest du deine Hand auf meine Schulter und sagtest, das du unglaublich stolz auf mich bist.
Wir sind so lange diesen Weg gemeinsam gegangen. Selbst nach der Scheidung warst du nie weit weg und stets für uns Kinder da. Für uns hättest du dein letztes Hemd gegeben, deinen letzten Cent.
Du tatest dich stets schwer mit Geld - gabst lieber mir oder meinem Bruder dein weniges Geld, damit du davon keine Dummheiten machen konntest.

Und dennoch sagtest du mir irgendwann, das du krank seist. Es war nicht nur der Alkohol sondern auch Drogen. Das war wohl das ende meiner Kindheit. Und obwohl du dich stets bemüht hast, schlimme Dinge von uns fern zu halten, so machtest du viele schlimme Dinge. Depressionen. Scheidung. Alkohol. Drogen. Und nicht zuletzt Selbstmordversuche, die nie so wirklich funktionieren wollten.
Hilfe bekamst du immer. Auch Entzüge waren in den letzten acht Jahren an der Tagesordnung.

Doch mit jedem Entzug ist der wundervolle Mensch, der du einst warst, mehr und mehr gestorben.
Wo du nach dem ersten Entzug noch über einem Jahr clean und voller Tatendrang warst, so wurde deine Motivation mit jedem weiteren Besuch in der Klinik weniger und auch deine hellen Momente.
Wenn ich nun in dein Gesicht schaue, bin ich erschrocken, da von dem Mann, der du einst warst, nicht mehr viel über geblieben ist.

Meine Oma sagte einmal, das du am Leben krankst und wenn ich so über diese Worte nachdenke, hat sie wohl recht.

Auch denke ich an deine Familie, die sich mit jedem weiteren Rückfall von dir abgewandt hat. Wo du früher noch etwas hattest, worauf du dich gefreut hast, so ist dies nicht mehr der Fall. Deine Kinder sind keine Kinder mehr. Ich gehe auf die dreißig zu und man müsste meinen, das ich nicht darauf angewiesen bin. Doch er ist mein Dad, den ich über alles liebe. Ein Mann, der mir so viele tolle Dinge nah gelegt hat, der immer für mich da war.
Und obwohl mir schmerzlich bewusst ist, das du nie wieder der Mann wirst, der mir das "Oh du Fröhliche" auf der Flöte beigebracht hat, bin ich traurig. Der Gedanke, das du deinen sechzigsten Geburtstag nicht mehr miterleben wirst, das du wahrscheinlich nichtmal mehr dieses Jahr zu ende bringen wirst oder kannst lässt mich einfach verzweifeln. So viel wirst du verpassen. So viel nicht mehr miterleben.

Wahrscheinlich ist es egoistisch so zu denken, denn wahrscheinlich wäre es für dich das beste nun zu gehen bevor du dich noch mehr quälst.
Und obwohl du noch nicht gegangen bist, fühlt es sich so an als sei es so - nur das ich nicht damit abgeschlossen habe. Denn dies wird wohl tatsächlich erst der Fall sein, wenn deine Beerdigung kommen wird.
Der Gedanke, das dann dort deine "dich liebende Familie" da sein wird, die sich nun, zu Lebzeiten, von dir abgewandt hat, weil sie dieses hin und her deinerseits nicht mehr können, macht mich traurig und wütend. Und der Gedanke, das ich dagegen nichts tun kann, lässt mich verzweifeln. Stets kommen mir Gedanken wie "Ach hätte ich meine Hand doch nur eher ausgestreckt. Wäre ich ihm doch bloss die Tochter gewesen, die ihn hätte helfen können. Ich hätte... hätte... hätte...!"

Du bist mir stets der wichtigste Mensch gewesen. Du hast aus mir den Menschen gemacht, der ich heute bin. Und dein Verlust, dein nicht am leben teilnehmen, ist etwas, was mich wohl noch lange beschäftigen wird.

Vorhin sagte meine Liebste mir, das du das Taxi zur Party eher nehmen wirst und ich ein paar Taxis später nehmen werde. Ein schöner Gedanke, der mich aber noch nicht so richtig trösten kann. Irgendwann bestimmt. Und bis dahin, versuche ich mich an die schönen Erinnerungen zu klammern. An den Gedanken, welcher Mensch du einmal warst.
Nun wünsche ich dir alles gute und das du dich vielleicht einmal fangen kannst. Und wenn nicht, wünsche ich dir, das du nicht alleine sein mögest.

Auf das wir uns eines Tages wieder sehen werden!



xxx

Aimée


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